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Wie könnte man nur nicht an eine hoehere, transzendentale Realitaet denken, wenn wir entdecken, welch ausserordentlicher Mensch Padre Pio war. Argumente derer, die fuer jeden Preis eine „rationale" Erklaerung ueber Phaenomene rund um Pater Pius suchen, sind nicht ausreichend, um in einer ueberzeugenden Art jedem Aspekt der Ereignisse, die diesen besonderen Kapuzinermoench umgaben, entgegenzutreten. Welche Mission hatte Pater Pio? Ihm ist es gelungen, uns verstehen zu lassen, dass wir nicht allein sind – dass Gott existiert und dass er uns nahe steht. Pater Pio hat den Glauben vieler gefestigt und ihn in vielen Anderen, die zuvor skeptisch waren, erweckt. Wahrscheinlich ist das sein groesstes Wunder. Dennoch gibt es vielleicht einen schwachen Punkt in der Geschichte seines Lebens, den nicht alle kapiert haben, obwohl sie seinen Gemuetszustand und seine Reaktionen verstanden und geteilt haben: dies zeigt uns die Angst, mit der er auf einige wirklich entsetzliche und finstere Ereignisse reagierte. Abgesehen von seiner guten, wenn auch ein wenig brummigen Persoenlichkeit, mitunter auch autoritaer, gab es Momente der Unsicherheit, des Zweifels und einer vorherrschenden Sensation der Ungenuegendheit. Oft fuehlte sich Pater Pio inmitten der Ereignisse, die ihn umgaben, verloren. Diese Gefuehle sind extrem menschlich und wir kennen sie alle. Im Fall von Pater Pio, obwohl er ein religioeser Mann war, wuchsen diese Qualen, bis sie ihn verwirrten und einige seiner Schlussfolgerungen wenig klar erscheinen liessen – oder war er vielleicht nahe der richtigen Schlussfolgerungen, nur dass er zoegerte, sie auszudruecken – was spaeter von anderen gemacht wurde und wahrscheinlich auch auf eine falsche Art – denn niemand anders, als dieselbe Person, die im Mittelpunkt der Ereignisse steht, kann wirklich den Sinn von Allem verstehen. Aber nicht immer gelingt es – dies sind die Konditionen des Lebens auf Erden. Nehmen wir das Beispiel der Wundmale. Die katholische Kirche kennt diese physische Manifestierung nicht als Probe der Heiligkeit an – und das ist auch richtig so, denn es gibt wirklich viel Verwirrung um dieses Phaenomen – eine Verwirrung, die wir hier zu klaeren versuchen. Im Volksglauben jedoch werden die Wundmale als eindeutigste Probe, dass Gott eine Person fuer irgend eine besondere Mission auserwaehlt hat, angesehen. So haben sich im Laufe der Jahre in vielen Personen diese Wundmale offenbart - weshalb Psychologen und Antropologen ihre unvermeidbaren wissenschaftlichen Schlussfolgerungen daraus gezogen haben: jene Personen haben sie sich selbst - entweder physisch oder psychologisch - zugezogen, um sich zur Schau zu stellen, oder in Folge einer besonderen Art misterioeser Ueberschwenglichkeit in Form von Hysterie. Wahrscheinlich ist es in vielen Faellen so – aber Pater Pio litt sehr unter seinen Wundmalen, sowohl physisch als auch psychologisch. Es ist deutlich, dass er gerne ohne ausgekommen waere. Ausserdem hatte er schon genuegend andere, besondere psychische Faehigkeiten. Wenn sein Ziel gewesen waere, Leute zu verblueffen um sich zur Schau zu stellen – warum sich auch die Wundmale zuziehen? Lesen wir in einem seiner Briefe, adressiert an den spiritualen Seelenfuehrer Pater Agostino (August, 1918): „Ich nahm gerade unseren
Buben am Abend des 5. die Beichte ab, als ich ganz ploetzlich von einem
extremen Schrecken beim Erblicken einer Himmlischen Persoenlichkeit
erfuellt wurde, die sich mir vor meinem geistigen Auge praesentierte. Sie
hielt in der Hand eine Art Werkzeug, aehnlich einer sehr langen Eisenlanze
mit einer gut geschliffenen Spitze, und es schien, als ob aus jener Spitze
Feuer stroemte. Dies alles zu sehen und die genannte Persoenlichkeit zu
beobachten, wir sie mit aller Heftigkeit das besagte Werkzeug in die Seele
schleuderte, war alles nur eines! Allein dieses Zeugnis wuerde genuegen, um uns nachdenklich zu machen. Was soll das heissen? Pater Pio – damals noch Bruder Pio – wurden Leiden verhaengt. Von wem? Weshalb? Hat er vielleicht etwas zu befuerchten, hat er vielleicht etwas so Schreckliches gemacht, um den Zorn Gottes bis zu diesem Punkt heraufzubeschwoeren? Sehen wir nicht eher zwischen den Zeilen der spiritualen Agonie Pater Pio’s eine ganz andere als goettliche Attacke? Wer waere Gott, um seinen Auserwaehlten so viel physisches und spirituales Leiden verhaengen zu wollen? Ist nicht dies hingegen ein Betrug, ein Versuch der negativen Kraefte Pater Pio glauben zu lassen, dass er solch eine Bestrafung verdiente? Ist das, was von der Vision durchscheint, nicht eher eine Verzerrung, ein schlechtes Blendwerk und sicher kein Werk Gottes? Seit zu langer Zeit hat die Menschheit Gott als einen Gott der Rache betrachtet. Das ist das Konzept, welches wir in den antiksten heiligen Schriften finden, als die Menschen noch dachten, dass Gott sie bestrafen wollte, anstatt im schwierigen menschlichen Dasein zu helfen und zu unterstuetzen. Die mit der Geburt und dem Leben Jesus’ Christus’ stattgefundene Wende wird total ignoriert. Moechten wir lieber denken, dass Gott wuenscht, uns zu bestrafen und nicht uns zu lieben und uns zu helfen? Ein anderer Brief, der von Pater Pio am 22. September 1918 an Pater Benedetto aus San Marco in Lamis geschrieben wurde, beinhaltet die Erzaehlung des Ereignisses der physischen Wundmalung. Er schrieb folgende Zeilen: „Was soll ich Euch
betreffend Eurer Frage, wie meine Kreuzigung stattgefunden hat, sagen? Verwirrung, Schmerz, Angst, Qual, Bitterkeit – sind die von Pater Pio erprobten Gefuehle. Keine heitere Akzeptierung, kein blindes Vertrauen, dass dies wirklich der Wille Gottes sei – das Gebet hingegen, dass Gott ihn auf seine Art benuetzt, und die demuetige Beugung vor einer physischen Evidenz, die ihn jedoch nicht troestet, ihm keinen Frieden gibt... was hingegen ein wirklicher Akt Gottes gaebe! Das gibt uns zu denken. Was ist in Wirklichkeit die Wundmalung? Es herrscht der Gedanke vor, dass es wenigen Auserwaehlten um den Willen Gottes geschieht, um wer weiss welche Schulden der gesamten menschlichen Rasse zu suehnen. Wenn wir uns der wissenschaftlichen Welt zuwenden, ist die Wundmalung ein Ergebnis einer hysterischen Form von religioeser Ueberschwenglichkeit. Wir schlagen eine dritte Hypothese vor: diese mysterioese Manifestierung koennte eine Verzerrung sein, eine Bewegung von Seiten der negativen Kraefte, um zu verwirren und um Angst einzufloessen – mit dem daraus folgenden Fehlen von Klarheit im Denken des betroffenen Subjekts. Ein genialer Zug, den wir in den Berichten aus der Vergangenheit ueber aehnliche Leiden, die von verschiedenen Religioesen ertragen wurden, sich wiederholen sehen – Franz von Assisi in erster Linie. Wir sind geneigt, diese letzte Hypothese als die wahrscheinlichste zu betrachten. Wenn uns gelehrt wird, dass Gott gut ist und uns alle liebt, muessen wir uns weigern zu glauben, dass Er jemanden leiden lassen moechte. Waehrend der Jahrhunderte haben die negativen Kraefte jedes Prinzip des Guten, des Lichtes, mit Grausamkeit bekaempft. Es waere logisch anzunehmen, dass sie gerade im religioesen Bereich Interesse gehabt haetten, Zweifel und verwirrte Ideen zu saeen. Wenn tatsaechlich der religioese Bereich, der so stark in seiner Ueberzeugung ist, tiefst korrupt sein koennte, haetten die Maechte des Boesen jeden moeglichen Vorteil daraus ziehen koennen. Welch bessere Wahl, als die eines Schuetzengraben haetten sie treffen koennen? Wer weiss, wo Pater Pio in seiner spiritualen Groesse angelangt waere, wenn er die Maechte des Boesen mit der richtigen Waffe bekaempft haette – nicht mit der Agressivitaet, verstaendliches Resultat und dirigiert von seiner grossen Angst – aber mit der Liebe, des Gebets, der Verzeihung... Welche Folgen haben diese Betrachtungen auf den gesamten Vollzug des Lebens? Ist das Phaenomen der Wundmale mit den Kaempfen gegen diabolische Einheiten, denen er so oft gegenueberstand, in Zusammenhang zu bringen? Wir werden versuchen, auch auf diese Fragen eine Antwort zu geben. (folgt) 12. Juli 2000
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